MainPost: Wagenknecht und Lafontaine, ein gutes Team

Beruflich sind Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine ein gutes Team, wie sich bei ihrem Auftritt zur Wahlkampf-Unterstützung für OB-Kandidat Frank Firsching in Schweinfurt zeigt

Vor Ort in: Schweinfurt

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„Nein, wir wollen nicht nur noch als Paar wahrgenommen werden“, sagt Oskar Lafontaine sehr charmant und sehr bestimmt. Deswegen gibt er mit seiner Partnerin und politischen Weggefährtin Sahra Wagenknecht kein gemeinsames Interview. „Das werden wir ständig gefragt“, sagt er. Wir wollen zwar nicht wissen, wer von den beiden kocht („werden wir oft gefragt“), sondern wie es ist, als Paar im gleichen Job, für den gleichen Verein zu arbeiten.

Es wäre schon faszinierend zu erfahren, wie es die beiden klären, wenn sie in einer politischen oder parteilichen Frage unterschiedlicher Meinung sind. Sie zu fragen, ob sie gegenseitig ihre Auftritte bewerten. Oder ob es manchmal nervt, dass die Arbeit immer mit daheim ist. Aber diese Seite des Teams Wagenknecht/Lafontaine kennen wohl nur wenige.

Beruflich jedenfalls sind die beiden ein gutes Team, wie sich bei ihrem Auftritt im Naturfreundehaus zeigt: Wahlkampf-Unterstützung für OB-Kandidat Frank Firsching. Lafontaine hat die Größe, eine so starke, populäre Frau an seiner Seite akzeptieren zu können. Und die Herausforderung, nach ihr ans Rednerpult zu treten, nimmt er gerne an. Wagenknecht legt nämlich einiges vor. Das muss erst mal jemand toppen, auch wenn er einige Jahre länger im Politgeschäft ist.

Oskar Lafontaine ist als erster da, unterhält sich, lässt sich geduldig fotografieren, schüttelt Hände. „Ist die Sahra schon da?“ Die Frage fällt öfter. Sahra Wagenknecht zieht Menschen an. Sie ist eine brillante, leidenschaftliche Rednerin, kann ruckzuck einen Saal fesseln – auch einen, in dem einige sitzen, die mit linker Politik wohl nicht viel anfangen können, aber neugierig auf Wagenknecht sind. Sicher auch einige, die sich an die Zeiten erinnern, als Lafontaine SPD-Hoffnungsträger war. Und viele, für die die Linke schlicht Hoffnung bedeutet – eine Art politischer Robin Hood, der den Reichen nehmen soll, was den Armen zusteht.

Wagenknecht kommt kurze Zeit später. Mit Lafontaine und Klaus Ernst zieht sie unter Jubel und Beifall in den Saal ein. Das Naturfreundehaus ist proppenvoll, einige müssen stehen. Die Stimmung ist trotzdem gut und ziemlich kapitalismuskritisch. Sinan Öztürk stellt erst noch mal alle Linke-Kandidaten vor, OB-Kandidat Frank Firsching sagt, warum er Oberbürgermeister werden will: Damit die Stadt sozialer wird. Wagenknecht, ganz in Rot, wärmt den Saal erstmal langsam auf. Warum Frank Firsching OB werden soll? Weil die Stadt einen besseren Oberbürgermeister verdient – und weil Horst Seehofer dann mindestens fünf schlaflose Nächte hätte. Natürlich geht’s am Tag des Hoeneß-Urteils um Steuerflucht und Steuerhinterziehung. Kalte Füße kriegen, weil irgendwo eine CD aufgetaucht ist, sich selbst anzeigen, bisschen was zahlen und ohne Strafe davonkommen? „Das ist ein Skandal.“

Skandalös ist für sie neben der Steuerpolitik auch die Verteilung der Vermögen in Deutschland. „Wir brauchen eine Millionärssteuer und eine saftige Besteuerung von Erbschaften“, sagt Wagenknecht unter Jubel. „Wer Schulden bremsen will, sollte das Geld holen, wo es sich stapelt.“ Ordentlich Schelte auch für die SPD, die in der rot-grünen Regierung mitgeholfen habe, die Reichen reicher zu machen. Überhaupt sieht sie, abgesehen von der Linken, kaum noch Unterschiede zwischen den Parteien. Fehlstart – das fällt ihr zur Großen Koalition ein.

Zum Mindestlohn sagt sie nur einen Satz: „Zehn Euro, flächendeckend“. Alles andere sei nicht tragbar. So richtig in Fahrt kommt die 44-Jährige beim Thema Altersarmut. Da wird dann auch Oskar Lafontaine (70) ziemlich deutlich werden. „Eine Gesellschaft, die alte Menschen der Armut überlässt, ist nicht menschlich“, sagt sie, fordert eine ordentliche Rente für alle ab 65. Um die zu finanzieren, sollen alle einzahlen. Auch Beamte und Selbstständige.

Wagenknecht kommt auch auf die Ukraine zu sprechen. Sie hat sich zuvor kritisch zur ihrer Meinung nach desaströsen deutschen Außenpolitik in dieser Sache geäußert. Das ist wohl der Grund, warum das russische Fernsehen im Naturfreundehaus filmt. Wagenknecht kritisiert, dass Deutschland eine Regierung unterstützt, an der eine faschistische, antisemitische Partei beteiligt ist.

Während Wagenknecht spricht, macht sich Lafontaine Notizen für seine Rede. Als sie die Bühne verlässt, wird sie frenetisch bejubelt. Sie gönnt sich einen Schluck Wasser, Lafontaine übernimmt. Altersarmut, ungerechte Vermögensverteilung, das sind auch seine Themen. Er zitiert Papst Franziskus: „Diese Wirtschaft tötet.“ Lafontaine wendet sich an die Gewerkschaften, die eine andere Gangart einlegen müssten. Bei Sachen wie Hartz IV oder Rente mit 67 müsse Widerstand gezeigt werden: „Da brauchen wir einen politischen Streik.“ Leistungsträger, das sind auch für ihn die Leute, die arbeiten, nicht die, denen die Firmen gehören, oder die im Vorstand sitzen. „Was passiert denn, wenn der Vorstand streikt“, fragt er. „Nix“, kommt es lautstark aus dem Publikum. So leidenschaftlich wie Sahra Wagenknecht spricht er sich gegen Krieg und Kriegseinsätze mit deutscher Beteiligung aus. „Krieg ist keine Lösung, Krieg ist ein Teil des Problems.“

Lafontaine zitiert seinen politischen Ziehvater Willy Brandt: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.“ Dass Deutschland ein bedeutender Waffenexporteur ist, macht ihn wütend. Dass Krieg zum selbstverständlichen Mittel der Politik geworden sei, auch. Was er sich wünscht für Deutschland? Einen funktionierenden Sozialstaat, eine reine Demokratie. Und den Ruf, Frieden in die Welt zu bringen. Dafür gibt es frenetischen Jubel – und ein strahlendes Lächeln von Sahra Wagenknecht. Einen kleinen Moment Privatheit gibt es dann doch.

Mit freundlicher Genehmigung der MainPost. Im Original zu lesen unter: http://www.mainpost.de/regional/schweinfurt/Gutes-Team-Wagenknecht-und-Lafontaine;art742,8029159

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